Plot

Der Anfang
Einige rätselhafte Eindrücke

Das Theaterstück beginnt mit einem geglückten Sprung von einem Baum : Ein Junge klettert auf einen glitschigen Baum, rutscht aus, kann sich gerade noch an einem Ast festhalten und gelangt unverletzt zu Boden.

Als im folgenden Bild zwei Sanitäter in großer Eile eine Tragbahre herbeigefahren, geht man in Gedanken sofort zu dem Jungen. Bei diesem Notfall handelt es sich jedoch um den Schlaganfall einer alten Frau. Der Pfropf in ihrem Gehirn kann nicht mehr aufgelöst werden. Die Angehörigen müssen sich auf einen Pflegefall auf höchster Stufe einstellen, eine Rehabilitation erscheint aussichtslos.

Da taucht der Junge wieder auf. Er liegt in einem Krankenbett und wird therapiert. Ist er also doch von einem Baum gefallen?

Einer entfernten Nichte folgt ihrer Intuition. Ihr gelingt es, allen Umständen zum Trotz, einen Platz in einer Rehabilitationsklinik für ihre alte Tante zu finden.

Ein behinderter Mann spielt mit seinem jüngeren Bruder Tischtennis. Beide sprechen mit Schweizer Akzent, wie am Anfang des Stückes der Junge auf dem Baum. Gibt es einen Zusammenhang?
Wie stehen beide mit der älteren Dame in Verbindung?

Fünf Erzählstränge

Erster Erzählstrang
Ein Schlaganfall

Die Odyssee der 77-jährigen Schlaganfallpatientin Renate Hoffmann (Fr. Chr. Steinhart) durch Notaufnahme, Rehaklinik und Therapiezentrum wird in 26 Bildern dargestellt und zieht sich als Haupterzählstrang von Anfang bis Ende des Theaterstücks. Die therapeutischen Erfolge und Misserfolge der Protagonistin, ihre Hoffnung und ihr Kampfgeist, der Verlust einiger Freundschaften einerseits und die Vertiefung alter Beziehungen andererseits, die gesundheitlichen Komplikationen und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit dem möglichen Tod kennzeichnen diesen Lebensabschnitt der deutschen Logopädin.
In jungen Jahren war die Protagonistin in der Schweiz an der Entwicklung der Geführten Interaktionstherapie beteiligt gewesen und hatte viele hirngeschädigte Kinder und Erwachsene erfolgreich therapiert. Die ehemalige Therapeutin erfährt nun die Schweizer Therapiemethode von der anderen Seite, der der Betroffenen.

Zweiter Erzählstrang
Eine avantgardistische Therapiemethode
aus der Schweiz

Im Gegensatz dazu stehen die 13 stillen und intim anmutenden Bilder der Therapie, in denen die Geführte Interaktionstherapie präsentiert wird. Die Behandlung des Schweizer Kindes Toni M. als Kind (David Piperov) im ersten Akt dient als ein Rückblick auf das Berufsleben der Protagonistin. Diese wird im zweiten Akt, der wieder in der Jetztzeit des Hauptgeschehens spielt, nun selbst behandelt. Die Schauspielerin Berta Rieder spielt die Interaktionstherapeutin in beiden Zeitebenen. Sie wird eigens von Susanne Strathoff, anerkannter Instrukteurin für Geführte Interaktionstherapie, gecoacht.
Bezeichnend für die Therapiemethode ist, dass durch das „Führen“ der Hände und Arme des Patienten bei Handlungen des Alltags nicht gesprochen wird. Dadurch entsteht eine sehr konzentrierte Atmosphäre, die es ermöglicht, Details festzuhalten und Subtiles wahrzunehmen. Das Publikum gerät somit in eine meditative Stimmung und kann sich dadurch intensiver in die Lage der Schlaganfallpatientin hineinversetzen.

Dritter Erzählstrang
Eine überforderte Angehörige

Emsig, nervös und emotional ist, in insgesamt neun Bildern, die Nichte der Protagonistin Chiara Balati (Katharina Lattermann), im ersten Akt stets telefonierend und im zweiten Akt am Bett ihrer geschwächten Tante sitzend. Chiara Balati kämpft gegen fachkundige Ärzte, die der Schweizer Therapiemethode skeptisch gegenüberstehen. Sie kämpft gegen erfahrene Therapeuten, die keinen Ausweg aus der Depression der Patientin für möglich halten. Sie kämpft gegen bürokratische Krankenkassen, die die Zustimmung zu Therapiemaßnahmen eher von Paragraphen abhängig machen als von therapeutischer Notwendigkeit. Ununterbrochen kämpfend begibt sie sich damit an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.
Doch ist nichts vergeblich. Denn schließlich gelingt es ihr, ihre Tante gerade mit jener Methode behandeln zu lassen, die die deutsche Logopädin als junge Therapeutin selbst in der Schweiz an hirngeschädigten Menschen angewandt hatte, der Geführten Interaktionstherapie.

Vierter Erzählstrang
Ein Behinderter und zwei junge Ärzte

Jetzt erkennt man die Verbindung zu dem vierten Erzählstrang (10 Bilder): Zu dem Jungen auf dem Baum, Toni M. als Kind, zu den Brüdern, die Tischtennis spielen, Toni M. als Erwachsener (Tobias Herrmann) und Stefan M. als Jugendlicher (Rolle noch unbesetzt). Ebenso zu den beiden angehenden Ärzten, Stefan M. als Erwachsener und Michael T. (Thies Christiansen), die sich zufällig in einer Cafeteria treffen.

Toni M. war nach seinem Unfall von Renate Hoffmann therapiert worden. Sie hatte ihm zu einem Leben in beschränkter Selbstständigkeit, wieder bei sich zu Hause, verholfen. Als behinderter Erwachsener spielt er Tischtennis mit seinem jüngeren Bruder, Stefan M. Dieser wurde lange nach dem Unfall und der Rehabilitation geboren. Er liebt seinen älteren Bruder zwar, kann seinem entschleunigten und beschränkten Leben als Behinderter jedoch nicht viel abgewinnen. Später möchte er schnelle Autos fahren und viel Geld verdienen, wenn dies sein muss sogar als Arzt. Im Laufe seiner Ausbildung trifft er immer wieder auf einen alten Freund, der auch Medizin studiert. Die Schweizer Therapiemethode, mit der die angehenden Ärzte immer wieder konfrontiert werden, widerstrebt anfangs beiden. Doch die persönliche Erfahrung damit und später die Erinnerung an den behinderten Bruder des einen, eröffnen ihnen einen neuen Blick darauf. Beide Männer stehen vor einer tiefen Veränderung.

Fünfter Erzählstrang
Eine Mutter berichtet

Über Lautsprecher ertönt eine weibliche Stimme mit Schweizer Akzent. Eine Mutter beschreibt, in fünf Episoden über das Theaterstück verteilt, einen weiteren Behandlungsfall der deutschen Interaktionstherapeutin.

Nach einem Fahrradunfall liegt der fünfjährige S. sechs Wochen im Koma. Als er daraus erwacht, kann er weder schlucken, noch sprechen, noch laufen. Er kann keinen Blickkontakt halten und ist halbseitig schlaff gelähmt. Zur Therapie wird dem Jungen die Logopädin Renate Hoffmann zugewiesen. Bereits nach sechs Wochen setzt der Chefarzt die Maßnahme ab, denn in seinen Augen sind keine weiteren Fortschritte zu erwarten. Renate Hoffmann lässt sich, in ihrer tiefen Überzeugung von dem Nutzen der Therapie, nicht davon abhalten, sich erneut an das Bett des Jungen zu setzen. Daraufhin wird sie erst abgemahnt und zuletzt sogar entlassen. Die Hartnäckigkeit der Therapeutin ist nicht vergeblich. Die Eltern des Jungen schöpfen neuen Mut und ändern ihre Einstellung zur Behinderung ihres Sohnes. Es gelingt ihnen, ein Therapiezentrum zu finden, in dem das Kind mit Erfolg behandelt wird und sogar die Schule besuchen kann.
Heute lebt und arbeitet S. in einer Einrichtung für erwachsene Behinderte in der Schweiz.

Ende gut, alles gut

Der Haupterzählstrang der Schlaganfallpatientin Renate Hoffmann kulminiert in einer Auseinandersetzung zwischen dem Chefarzt des Therapiezentrums (noch unbesetzt) und der Nichte Chiara Balati. Er glaubt, nichts mehr für die 77-jährige Patientin tun zu können. Deshalb soll die Protagonistin soll trotz eines zweiten Schlaganfalls und einer Lungenentzündung innerhalb weniger Wochen entlassen werden. Der Chefarzt begründet seinen Therapieabbruch mit medizinischen Fakten und Statistiken. Die Nichte der Patientin hingegen spricht intuitiv vom Glauben an das Unmögliche. Sie wird Recht behalten.
Renate Hoffmann lebt trotz ihrer prekären gesundheitlichen Lage weiter, macht große Therapiefortschritte und lebt in beschränkter Selbstständigkeit wieder bei sich zu Hause.

→ das Projekt: Schlaganfall® – Theater und Therapie

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