Fahrradunfall

Unser Simon und Renate Hoffmann
Eine Mutter berichtet

Wir wohnen in den Bergen. Ich und mein Mann haben unseren Sohn Simon immer sehr frei erzogen. Wie immer sauste er auch an Pfingsten 1984 mit seinem BMX Fahrrad die Wiese hinunter. Er war erst fünf Jahre alt. Hier fährt nie ein Auto vorbei. Doch an diesem Tag hatte sich ein ausländisches Auto den Hügel zu uns hinaufverirrt. Es kam zu einem Zusammenstoß, unser Sohn knallte mit dem Kopf in die Beifahrerseite. Es war schrecklich!

Simon erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und lag sechs Wochen im Koma. Ich und mein Mann waren am Boden zerstört. Man sagte uns, wir sollten warten. Simon wachte wieder auf, aber … als er aufwachte, konnte er keinen Blickkontakt mehr halten und war kaum ansprechbar. Auf Grund der Hirnblutung war er halbseitig schlaff gelähmt und wurde durch eine Sonde ernährt. Ich und mein Mann waren am Boden zerstört, wir wollten um keinen Preis unser Kind aufgeben, aber … irgendwo wussten wir, dass wir uns auf ein ganz neues Kind einstellen mussten und, dass Simon nie wieder der alte Wildfang sein würde, den wir kannten.

Unserem Sohn wurde die Interaktionstherapeutin Renate Hoffmann zugewiesen. Sie sollte den Schluck- und Saugreflex unseres Kindes wieder aufbauen und es gelang ihr erstaunlich gut! Doch nach nur sechs Wochen stellte der damalige Chefarzt, ganz unerwartet, die logopädische Behandlung ein. Man sagte uns, dass das Kind austherapiert sei und mehr Erfolge nicht zu erwarten seien.

Da haben wir erst entdeckt, wer diese deutsche Therapeutin war. Sie war zutiefst davon überzeugt, dass man weitertherapieren müsse, dass unser Junge noch so viel lernen könne. Sie hat sich einfach über diese Anweisung hinweggesetzt und sich am nächsten Morgen wieder an sein Bett gesetzt und unseren Sohn weitertherapiert. Sehr mutig, dachte ich mir schon damals. Und wie das bei uns in der Schweiz halt so ist, … aber in Deutschland wird es wohl nicht anders sein, … wurde sie abgemahnt. Das war ihr wie frisches Wasser, sie hat sich wieder an sein Bett gesetzt … am Ende hat man ihr gekündigt und ein Hausverbot hat man ihr obendrauf erteilt. Es hieß, sie sei nicht teamfähig, nicht hierarchietauglich … aber, … sie hat das alles …doch nur für unseren Jungen getan.

In unzähligen Gesprächen versuchten Kollegen und Mitarbeiter, die Krankenhaus-Leitung vom Unrecht dieser Kündigung und von der Fehlentscheidung des Therapieabbruchs zu überzeugen. Als die Gespräche schließlich scheiterten, kündigten weitere sieben Kollegen aus Protest ihre Stellung. Am Ende wurden auch wir mit unserem Simon vom Spital entlassen.

Diese Aktion hat uns allerdings großen Mut geschenkt und uns darin bestärkt, nicht aufzugeben. Im ersten Jahr wurde Simon noch in einem Heim für Behinderte betreut, aber schon im Sommer 1985 wurde er ein Jahr lang mit Ergotherapie und Physiotherapie behandelt. In dieser Zeit lernte er wieder Essen, Laufen und Sprechen und konnte dadurch den Regelkindergarten besuchen. Für uns war schon das wie ein Wunder. Darüber hinaus wurde dann im August 1986 die Einschulung in eine deutsche Spezialklinik für Hirnverletzte ermöglicht, in der Schweiz gab es damals keine vergleichbare Einrichtung und von da an ging es nur noch bergaufwärts, … wenn es so etwas nach einem Schädel-Hirn-Trauma überhaupt geben kann.

Heute ist unser Simon 38 Jahre alt. Er lebt in einem Beschäftigungs- und Wohnheim und ist ein junger hübscher Mann mit einer spastischen Hemiparese. Mit weiteren 50 Menschen mit Behinderung wohnt Simon begleitet und arbeitet in einem geschützten Rahmen. Die Einrichtung bekam ihren Namen von einem Schweizer Bergsteiger. Ähnlich dem Extremsportler müssen sich Menschen mit Behinderung ihren Platz in der Gesellschaft erst erkämpfen. Sein Mut soll sie alle bestärken.

Unglaublich was das Leben so alles mit sich bringt …!

↑ nach oben