Eine wahre Geschichte

Renate L.
Was eine junge Lehrerin aus Deutschland uns lehrt

Die Lehramtsstudentin Renate L. zieht es im Nachkriegsdeutschland aus der Empörung und Verstörung über die Politik der Nationalsozialisten zu den Schwächsten der Gesellschaft: den Behinderten.

Gegen den Willen ihres Vaters und ohne seine finanzielle Unterstützung will sie Heilpädagogik studieren.

Schließlich gelingt es ihr, dank eines Stipendiums des Evangelischen Studienwerkes Villigst in der Schweiz zu studieren. Während das restliche Europa sich in zwei selbstmörderischen Weltkriegen zerfleischt hat, ist hier die Forschung, vor allem in heilpädagogischer Hinsicht, nicht zum Stillstand gekommen.

Doch auch in der Schweiz ist es für Renate L. nicht einfach: Deutsche gelten als Nazis und von den Kathedern des Heilpädagogischen Instituts der Universität Fribourg dozieren alteingesessene Patriarchen. Genau in diese Zeit fällt die Begegnung Renate L.s mit der Assistenz-Professorin Félicie Affolter. Auch sie steht im Konflikt mit den Professoren der Uni Fribourg, die selbstbewusste und kompetente Frauen nicht ernst nehmen wollen.

Renate L. nähert sich Frau Affolter und wird von ihr zur Logopädin und später zur Interaktionstherapeutin ausgebildet. Sie zählt bald zu den engsten Mitarbeitern von Dr. Affolter. Als einzige Deutsche, als einzige Ausländerin im Affolter-Team der ersten Generation gestaltet Renate L. die therapeutische Arbeit und Forschung an hirngeschädigten Kindern und Erwachsenen mit und referiert darüber in Seminaren.

Auch viele Jahre später 1984 bleibt die deutsche Therapeutin ihren Überzeugungen treu: Die Ärzte haben den fünfjährigen S., der an den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas leidet, bereits aufgegeben und die Therapie beendet. Renate L. begibt sich trotzdem an sein Bett und therapiert ihn weiter. Das kostet sie ihren Arbeitsplatz, aber die Eltern des Kindes schöpfen wieder Hoffnung und finden schließlich ein Therapiezentrum, in dem das Kind in jahrelanger therapeutischer Kleinstarbeit das Essen, Gehen und Sprechen neu erlernt. Heute lebt S. in einer Einrichtung für Behinderte, in der er unter Betreuung wohnt und arbeitet (Fahrradunfall).

Renate L. verbringt ihr gesamtes Arbeitsleben in der Schweiz und kehrt im Ruhestand nach Deutschland zurück. Hier erleidet sie im Alter von 77 Jahren einen Schlaganfall. Nach langen Kämpfen gegen Krankenkassen und Ärzte wird sie zuletzt selbst im Therapiezentrum Burgau erfolgreich mit jener Geführten Interaktionstherapie behandelt, die sie über Jahrzehnte an hirngeschädigten Kindern angewandt hat.

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