Geführte Interaktionstherapie
Entstehungszeit

Dissertation von Heidrun Becker

Entwurf einer Theorie des körper- und leibbezogenen Lernens am Beispiel von Therapieansätzen aus der Ergotherapie
und Physiotherapie (1)

Kapitel 5 – Affolter- oder St. Galler-Modell
5.2. Entstehungszeit und Hintergrund des Affolter-Modells®
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„Das Affolter-Modell® entstand in der Auseinandersetzung mit der Frage, wie Sprachstörungen und andere nicht-sprachliche Leistungen zusammenhängen. Félicie Affolter, klinische Psychologin, Logopädin, Lehrerin und Gehörlosenlehrerin, erhielt 1962 den Auftrag, am Kantonsspital in St.Gallen, Schweiz, eine Abteilung zur Erfassung und Behandlung von Kindern mit Hörstörungen aufzubauen. Es wurden ihr jedoch viele Kinder überwiesen, die keine Hörstörungen auswiesen, sondern Sprachstörungen und andere Auffälligkeiten. Sie hatten Diagnosen wie Autismus, Verhaltensstörungen, emotionale Störungen, Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizit etc. Es mussten also andere Ursachen für die Sprachstörungen vorliegen, als die Beeinträchtigung des Hörens (Ehwald, Hofer 2001, S. 84). Die meisten Kinder wiesen auch Störungen in der Sensomotorik auf. Da nach Piagets Entwicklungsmodell die sensomotorische Entwicklung der Sprachentwicklung vorausgeht, ging man davon aus, dass die Störung der Sensomotorik die Ursache für die Sprachstörung sei. In verschiedenen Studien wurde der Zusammenhang zwischen sprachlichen und nicht-sprachlichen Leistungen untersucht. Aus diesem Zusammenhang sollten Behandlungsansätze abgeleitet werden. Untersucht wurden gesunde Kinder, Kinder mit Sinnesbehinderungen (Hör- und Sehschädigungen) und Kinder mit schweren Sprachstörungen. Man stellte fest, dass die Kinder mit Sinnesschädigungen die gleichen Leistungen aufwiesen wie gesunde Kinder, wenn ihnen die Aufgaben nicht in der geschädigten Modalität gestellt wurden; z. T. brauchten sie lediglich etwas mehr Zeit für die Entwicklung. Die sprachgestörten Kinder hingegen zeigten Schwierigkeiten beim Lösen komplexer Aufgaben, unabhängig in welcher Modalität sie angeboten wurden. Wurde die taktil-kinästhetische Modalität angesprochen, versagten sie bereits bei einfachen Aufgaben.

Affolter und Stricker zogen daraus die Schlussfolgerungen (1980, zitiert nach Ehwald, Hofer 2001, S. 85), dass: „… die Probleme im taktil-kinästhetischen Bereich mit den Sprachstörungen in Zusammenhang stehen und das Ausmaß gespürter Erfahrungen kritisch ist für das Erlangen komplexerer Leistungen.“


Longitudinal Studien zeigten, dass die Entwicklungsverläufe sprachgestörter Kinder nicht mit Piagets Stufenmodell in Einklang gebracht werden können: „So erscheinen einzelne Leistungen komplexerer Stufen, obwohl Leistungen einfacherer Stufen nicht auftreten“ (ebenda). Affolter zieht daraus den Schluss, dass die Entwicklungsstufen nicht in einem direkt-hierarchischen Zusammenhang stehen, sondern es vielmehr die „zunehmende Erfahrung gespürter Interaktion“ ist, die komplexe Leistungen ermöglicht (ebenda). Der Mangel an gespürter Interaktionserfahrung ist sowohl für die fehlenden bzw. auffälligen nicht-sprachlichen wie auch sprachlichen Leistungen verantwortlich. In der Behandlung soll deshalb nicht die fehlende oder auffällige Leistung erarbeitet werden, sondern ausgeweitete und angemessene gespürte Interaktionserfahrungen ermöglicht werden. Die gewünschten Leistungen würden sich dann verbessern, obwohl sie nicht direkt geübt wurden. Die Therapie wird auch als „Geführte Interaktionstherapie“ bezeichnet. 1976 gründet Felice Affolter in St. Gallen eine Schule für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen und ein Zentrum für Wahrnehmungsstörungen. Die Forschungen über ihr Behandlungskonzept wurden 10 Jahre lang vom Schweizer Nationalfonds unterstützt. Die Forschungen finden in enger Verbindung mit dem „Centre for Cognitive Science“ der Universität Minnesota (USA) statt. Die Anwendung der „Geführte Interaktionstherapie“ wurde ausgedehnt auf Erwachsene mit neurologischen Störungen (DVE 2006a, S. 3).“

(1)Becker, Heidrun: Entwurf einer Theorie des körper- und leibbezogenen Lernens am Beispiel von Therapieansätzen aus der Ergotherapie und Physiotherapie; Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät IV , publiziert am 23.09.2010, urn:nbn:de:kobv:11-100177024, S. 86-87)
2)Ehwald W, Hofer A: Das Affolter-Modell. Forschungsergebnisse – Entwicklungsmodell – Anwendung. In: Fröhlich A, Lamers W, Heinen N: Schwere Behinderung in Praxis und Theorie – ein Blick zurück nach vorn. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes l e ben 2001, S. 83-99
3)Deutscher Verband der Ergotherapeuten (DVE) e. V. (Hrsg.). Das Affolter-Modell. Gespü r te Inte r aktion im Alltag als Wurzel der Entwicklung. Karlsbad: 2006a

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